Was es heißt, „Bild Gottes“ zu sein und als solches zu leben  

Manche Begegnungen mit anderen Menschen bleiben zeitlebens in Erinnerung. Sie haben einen solch tiefen Eindruck hinterlassen, dass ich sie nicht vergesse. Mir geht das so mit meinem Schulfreund Tim, mit dem ich gemeinsam die Leistungskurse Mathematik und Physik in der Oberstufe besuchte. Tim war so etwas wie ein Naturtalent, nicht nur was die Naturwissenschaften anging. Das Besondere an Tim war, dass ihn sein Talent in keiner Weise zur Arroganz verleitete – im Gegensatz zu manch anderem. Tim war klug, aber nicht eingebildet. Statt seine Fähigkeiten stolz für sich zu bewahren, war er stets offen und hilfsbereit für andere, wenn es darum ging, denjenigen unter die Arme zu greifen, die mit dem Lernstoff nicht zurechtkamen. Er wusste, was er konnte und er war Gott dankbar dafür. Dieser Dank hat ihn befähigt, sein Wissen und Können frei mit anderen zu teilen. Konkurrenz hatte er nicht nötig. 

Ich muss zugeben, ich stand mit meinen Talenten, was schulische Leistung angeht, weit hinter Tim. Aber seine Art damit umzugehen, hat mich tief beeindruckt. Sein Beispiel mahnt mich, mit dem, was ich kann, in gleicher Weise zu verfahren 

Was Menschen daran hindert, ihre Gaben und Talente einzusetzen, sind ihre eigenen Meinungen. Halte ich mich daran fest, stehe ich nur mir selbst im Wege. Mit einem unangemessenen Stolz und auch einer Geringschätzung der eigenen Fähigkeiten, verhindere ich mich selbst. Eitelkeit und Scham entstammen den eigenen Bewertungen. Der Philosoph Epiktet wusste davon: »Was die Menschen verwirrt, sind nicht die Dinge, sondern ihre Urteile und Meinungen über die Dinge. So ist z. B. auch der Tod selbst nichts Furchtbares, sondern zu meinen, er sei furchtbar, ist das Furchtbare.« Epiktet rät deshalb: »Wenn wir in Schwierigkeiten geraten, beunruhigt oder betrübt werden, sollen wir dafür die Schuld nicht einem anderen geben, sondern einsehen, dass die Schwierigkeit auf der eigenen Bewertung des Geschehens beruht.« Jedes Urteil ist Meinung. – Daran darf ich mich nicht festhalten. Sonst neige ich dazu, andere für mein eigenes Durcheinander verantwortlich zu machen, obwohl es eigentlich der eigenen Bewertung entspringt.  

Für Epiktet ist es eine Frage der Bildungsich nicht auf seinen Meinungen zu fixierenNur ein » Ungebildeter pflegt es seinen Mitmenschen vorzuwerfen, wenn es ihm schlecht geht. Ein etwas mehr Gebildeter macht sich selbst – d.h. den eigenen Urteilen – Vorwürfe. Aber der wirklich Gebildete schiebt die Schuld weder auf einen anderen noch auf sich selbst« und nimmt die Dinge hin, wie sie sind, ohne zu beurteilen. Er nimmt sich selbst hin, ohne sich zu verurteilen. 

„Bildung“ bedeutet in diesem Zusammenhang etwas anderes und Tieferes als man gewöhnlich darunter versteht. Bildung hat hier nichts mit dem Erwerb und der Anhäufung von Wissen zu tun. Der Begriff „Bildung“ stammt von dem Mystiker Meister Eckhart. Für ihn heißt Bildung, »Bild Gottes« werden, denn »Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde« (Gen. 1, 27). Wenn ich mich „bilden“ will, wenn ich Bild Gottes werden will, verlangt das, die eigenen, oft so vorschnellen Urteile, die eigenen Meinungen und Urteile sein zu lassen. Bild Gottes zu werden erfordert, mich so zu nehmen und zu akzeptieren, wie ich bin. Dies ist möglich, weil Gott mich bereits zu seinem Bild geschaffen hat, weil ich schon sein Bild bin, mit anderen Worten, weil ich geliebt bin. In dieser unumstößlichen Gewissheit kann ich als Sein Bild leben – ohne mir und anderen überheblich etwas vorzumachen und ohne mein Licht in falscher Demut unter den Scheffel zu stellen. Als Bild Gottes leben bedeutet, »da« zu sein, in jeder Begegnung mit anderen gegenwärtig zu sein. Als der Geliebte Gottes bin ich befreit von den eigenen Urteilen und Vorurteilen. Ich kann für die anderen »da« sein, ihnen nahe sein und für sie tun, was sie tatsächlich brauchen. 

Für mich ist Tim jemand, der in dieser Weise für viele von uns damals »da« war. Vielleicht war ihm insgeheim bewusst, was „Bildung“ eigentlich bedeutet. 

Andreas Bader, Pastor