Mach’s dir leicht, sei du selbst! 

Vor ein paar Tagen waren meine Frau und ich nachmittags mit dem Auto auf der Heimfahrt. Wie es zu dieser Zeit häufig der Fall ist, standen wir alsbald im Stau. Wir begannen uns zu ärgern. Nach einigem Hin und Her und der Frage, welchen Sinn es denn habe, sich über den Zeitverzug aufzuregen, einigten wir uns auf folgenden Satz: »Wenn man es annimmt, wird es leichter.«

Seitdem sinne ich über diesen Satz und seine Bedeutung nach. Verschiedene Aspekte kommen mir ins Bewusstsein.

Erstens: Es hat keinen Sinn sich über Dinge aufzuregen, die ich nicht ändern kann. Auch mein Ärger und ggf. meine Wut lösen keinen Stau auf. Im Gegenteil, sie führen zu Unachtsamkeit und diese wieder hat möglicherweise schlimme Konsequenzen bis hin zu einem Unfall. Im Übrigen verschwende ich mit dem Ärger eine große Portion an Energie und Lebenskraft, die ich für wesentliche und sinnvolle Dinge verwenden könnte. Ich spüre, ich habe weder Zeit noch Kraft, mich über Unveränderbares zu echauffieren.

Zweitens: Erst wenn ich die Situation als die, die sie ist, akzeptiere und hinnehme, entlastet mich das. Es wird leichter damit umzugehen. Vielleicht ist es sogar so, dass erst im Annehmen überhaupt die Möglichkeit besteht, mit der Lage umzugehen. Es könnte doch sein, dass ich erst jetzt entdecke, die Zeit anders nutzen zu können, sei es mich mit meiner Frau über dies und das zu unterhalten oder vielleicht zu entscheiden, die Autobahn zu verlassen, und – zwar auf einem Umweg – aber gelassen eine schöne Strecke genießen zu können.

Nun sind Ärger und Ungeduld nur zwei von vielen Möglichkeiten, sich selbst das Leben recht schwer zu machen. Sie rühren im Grunde daher, dass ich mich auf bestimmte Vorstellungen festgelegt und fixiert habe. Treten die erwarteten Ereignisse nicht ein, steigen Ärger, Wut und Enttäuschung auf. Zusätzlich ergibt sich zuweilen auch der Stress, Mittel und Wege zu finden, wie ich trotz der auftretenden Widerstände zum gewünschten Ziel kommen kann. Das beinhaltet stets eine Vorstellung von mir selbst, von meinem »Ich«. Nämlich die, dass ich einer Situation Herr werden könne und sie verändern könnte. Viele Menschen knüpfen ihre Zufriedenheit und ihr Glück an dieses Selbstbild und seine Erfolge. Die Dinge sind erst dann gut, wenn sie so sind, wie ich es mir vorstelle und wünsche. Manche nennen es »Selbstverwirklichung«. Heute steigt die Zahl derer rapide, die mit einem derartigen Selbstverständnis scheitern. Die Taktfrequenz der zu erledigenden Aufgaben wächst und mithin der Anspruch, sie zu erledigen. Viele sehen ihr Leben als fremdbestimmt. Viele halten dem Druck nicht stand. Paradoxerweise schreckt sie die Vorstellung, es sich leicht zu machen, eher ab. Sie leiden unter Verlustängsten. – Ein Teufelskreis.

Die Lösung, auf die ich beim Nachsinnen komme, ist, »eins zu sein mit sich selbst«. Es sich leicht zu machen, indem ich bin, wie ich bin. Für gestresste und unter Erfolgsdruck stehende Ohren ist dies auf den ersten Blick keine Option. Häufig genug gibt es bei ihnen die Überzeugung: »Ich bin nur, was ich tue bzw. getan und geleistet habe!“ – D.h., ich bin nur mein Erfolg, mein Gewinn, mein Ansehen und Ruhm und dafür verantwortlich. Einssein mit sich heißt hier, Erfolg etc. haben müssen, um ich selbst zu sein.

Vielleicht ist das ein Missverständnis. Es beruht darauf, sich selbst als einen Gegenstand, ein Objekt zu betrachten: Das »Ich« ist das, was es im Laufe der eigenen Biografie geworden ist. Es ist seine erworbenen Fähigkeiten, seine gesellschaftliche Stellung usf., um die es sich zu sorgen und die es aufrecht zu erhalten hat. Gerade darin glaubt das »Ich«, mit sich selbst eins zu sein.

Was stattdessen hier mit »Einssein« gemeint ist, wird deutlicher, wenn ich sage: Erlebe und empfinde, spüre dich selbst – in diesem Sinne sei du selbst! Du bist nicht deine Vorstellungen von dir! Also lass sie sein! Befreie dich von dem, wie du dir die Dinge wünschst oder du meinst, wie sie zu sein hätten. Sei ein lebendiges Du, binde dich nicht an deine Vorstellung von dir. – Das wäre der wichtigste Schritt, es sich leicht zu machen.

Dazu gehört notwendig ein weiterer Aspekt. Ich selbst zu sein, bedeutet immer auch zu dem zu stehen, was ich in mir erlebe, empfinde und spüre. Es bedeutet anzunehmen und zu akzeptieren, was ist. Oft ist das alles andere als gleich erledigt. Wenn es schwerfällt, kann der Satz Epikurs helfen, dass Ärger, Wut und Schmerzen weder unerträglich noch unendlich sind. – Es sich leicht zu machen, bedeutet nie das Eintreten in eine Komfortzone. Das Leben ist nicht Behaglichkeit. Aber was wäre denn die Alternative zum Hinnehmen? Vor sich selbst und der gegenwärtigen Situation in irgendeine Illusion davonzulaufen oder in eine betriebsame Aktivität – mit der irrigen Hoffnung, Glück und Zufriedenheit würden dann schon über mich kommen? – Wohl kaum!

Sei du selbst, nimm die Dinge hin, lass deine Vorstellungen – auch die von dir selbst! Sei zufrieden mit dem, was ist! Damit mache ich es mir zuletzt leichter – nicht nur mit dem Ärger im Stau angemessen umzugehen, sondern auch bei komplizierteren Fragen echte Lösungen zu finden, die mich weiterbringen.

Andreas Bader, Pastor